Piehnat

Ein Blog. Wie früher. Nur heute.

Ein Glas Marmelade

Heute Morgen fiel mir beim Abräumen des Frühstückstisches ein Marmeladenglas aus der Hand.

Nicht spektakulär. Kein großes Drama. Ich hatte es am Deckel gepackt, der Deckel war offensichtlich nicht richtig zugeschraubt und der Rest ist Physik.

Also kniete ich da, wischte den Boden sauber und dachte eigentlich nur tja. Passiert.

Und dann war ich plötzlich nicht mehr nur in unserer Küche.

Für einen kurzen Moment war ich wieder ein Kind. Vielleicht 8 oder 9 Jahre alt. Wieder vor diesem verdammten Marmeladenglas.

Damals war es kein „passiert halt“. Damals war es ein Grund für meinen Erzeuger, mir heftig eine zu ballern. Ein erneuter Grund, mich anzuschreien, was für ein nutzloses Stück Scheiße ich doch wäre. Ein Grund, mich die Marmelade mit den Fingern aus dem Teppich kratzen zu lassen.

Und weil Fliesen weniger Schaden nehmen als ein Teppich, wurde ich danach im Bad eingesperrt. Von außen abgeschlossen. Bis spät Abends, als er und meine Erzeugerin(die wie üblich nichts dazu sagte) aus dem Kleingarten wiederkamen.

Jahrzehnte später stehe ich in meiner eigenen Küche, verliere ein Marmeladenglas und mein Gehirn holt diese Szene wie einen Flashback aus irgendeiner dunklen Ecke hervor, von der ich gar nicht wusste, dass sie noch existiert.

Ich nenne mich manchmal selbst den Großmeister der Verdrängung. Und vielleicht stimmt das sogar ein bisschen. Es funktioniert halbwegs. Jahrzehntelang. Wegpacken, weitermachen, funktionieren.

Bis manchmal völlig zufällige Dinge passieren. Ein Geräusch. Ein Geruch. Ein Gegenstand. Ein Glas Marmelade.

Und plötzlich steht man wieder da, wo man nie wieder hinwollte.

Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem ich das alles wirklich mal professionell aufarbeite. Ein Teil von mir weiß, dass es wahrscheinlich gut wäre. Der andere Teil hat regelrecht Schiss davor. Weil ich weiß, dass da nicht nur ein Marmeladenglas liegt.

Da stehen ganze LKW-Ladungen voller gewalttätiger Erinnerungen, die ich irgendwo abgestellt habe.

Und die Vorstellung, dass jemand fragt „Worüber möchten Sie sprechen?“, während ich innerlich nur denke „Haben Sie vier Wochen Zeit?“ macht mir immer noch Angst.

Aber für heute reicht es erstmal, den Boden sauber zu machen, mir zu sagen, dass es nur ein Glas Marmelade ist und diese Zeilen zu tippen, die vielleicht ein kleiner Anfang sind.

gedacht

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