3 Jahre nur noch Blog

Vor drei Jahren kehrte ich Zehntausenden Menschen auf Social Media den Rücken. Wenn man nur auf diese Zahlen schaut, klingt das für so manchen sicher erstmal ziemlich dämlich.

Knapp 50000 Menschen auf Instagram, die mein Gekritzel auf Papier, meine Graffiti und irgendwelche Sachen draußen verfolgten, dazu nochmal rund 35000 auf Twitter, denen offenbar meine Art gefiel, Weltpolitik in 2 zynischen Sätzen zusammenzufassen.

Von außen sah das nach Reichweite aus. Für mich fühlte es sich aber irgendwann eher wie ein unbezahltes Praktikum im Diagramme anglotzen an.

Obwohl ich nie nen Cent damit verdiente, fing ich irgendwann unbewusst an, Zahlen zu beobachten. Wie viele Aufrufe hat der Beitrag? Wie viele Leute haben reagiert? Warum lief der eine Post besser als der andere? Komplett absurd.

Rückblickend war genau das der Punkt, an dem ich wieder checkte, warum ich damals überhaupt angefangen hatte, ins Internet zu tippen.

Denn dieses kleine Stück Internet hier ist ja alles andere als neu. Ich mache das in irgendeiner Form schon seit 2004. Unter mehr Domains, als ich wahrscheinlich noch zusammenbekomme. Mal größer, mal kleiner, mal mit völlig anderen Themen.

Der Unterschied zu den großen Plattformen war immer, dass es mein eigener Raum war. Keine Zahlen, die mir sagen, ob etwas funktioniert. Keine Erwartung, ständig sichtbar sein zu müssen. Einfach schreiben, weil ich etwas aus meinem Kopf bekommen und in Worte fassen wollte.

Ich hab dieses Game schon unzählige Male durchgespielt.

Einige Jahre lang war dieser Webspace mein Radsport Blog, ziemlich groß sogar. Dazu gehörte eine Facebook Seite mit mehreren tausend Followern. Irgendwann kamen dann die ersten Pakete. Rennradreifen hier, 1 Packung Proteinriegel da und nen neuer Fahhradhelm da drüben. Nicht, weil ich danach gefragt hätte. Die Sachen wurden mir einfach geschickt.

Eigentlich ist das erstmal eine nette Sache dachte ich mir. Menschen schicken dir etwas, weil sie deine Meinung dazu interessiert. Ach, wie naiv ich doch war…

Nur entstand bei mir irgendwann dieses Gefühl, dass ich diese Menschen nicht enttäuschen wollte. Sie haben mir schließlich etwas geschickt, oft sogar relativ wertvoll, also gib ihnen doch etwas zurück, du willst ja nicht als undankbarer Hurensohn dastehen.

Und so verschob sich langsam der Fokus. Ich wollte eigentlich über Radsport schreiben. Über Dinge, die mich interessieren. Über Erlebnisse, Gedanken und alles, was für mich diesen Sport ausmachte. Stattdessen fühlte ich mich irgendwann immer mehr wie eine Werbehure auf zwei Rädern.

Also habe ich den ganzen Kram gelöscht. Wo nichts mehr ist, entsteht kein Druck. Nicht zum ersten Mal.

Und genau dieses Muster habe ich später auch bei den großen Plattformen wieder erkannt. Sobald aus einem Hobby eine Erwartung wird, verschwindet irgendwann der Grund, warum man überhaupt angefangen hat.

Kein Plan, wie viele Leute hier heute mitlesen, juckt mich auch nicht, ich tracke nichts. Aber genau das fühlt sich für mich besser an als all diese großen Zahlen.

Nicht, weil ich keine Menschen mag. Naja, nicht viele. Ich mag echte Gespräche. Ich mag Menschen, die sich für die gleichen Dinge interessieren. Aber ich war noch nie jemand, der eine große Bühne gebraucht hätte.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied. Ich brauche keine ständige Sichtbarkeit. Kein Gefühl, immer etwas liefern zu müssen. Keine Rolle, die ich spielen muss, damit andere Menschen kurz stehen bleiben und weiterscrollen.

Ich bin wahrscheinlich einfach nicht für dieses laute Internet gemacht.

Was ich heute dafür bekomme, sind Gespräche. Hier schreiben mir manchmal Menschen Mails zu meinen Beiträgen. Keine Likes. Keine Flammen Emojis. Kein kurzer Kommentar, der nach zwei Sekunden wieder vergessen ist.

Jemand öffnet absichtlich sein Mailprogramm und nimmt sich die Zeit, mir wirklich zu schreiben. Dieser kleine zusätzliche Schritt bedeutet mir mehr als tausende Reaktionen auf irgendeiner Plattform. Nicht, weil die Zahl größer oder kleiner ist. Sondern weil dahinter eine bewusste Entscheidung steckt.

Jemand hat nicht einfach reagiert. Jemand hat Kontakt aufgenommen. Und vielleicht passt genau das besser zu mir. Weniger Menschen, weniger Lärm, weniger Show. Dafür echte Gespräche.

Ich habe in den letzten Jahren wieder viel mehr Freude am Schreiben, Programmieren und Basteln gefunden, soweit mein Körper mich eben lässt. Die ständigen Schmerzen sind dabei ein ständiger Begleiter, aber wenigstens muss nicht auch noch irgendein Algorithmus seinen Senf dazugeben.

Dinge dürfen wieder einfach Dinge sein. Wenn ich etwas zeichne, muss daraus kein Beitrag werden. Sollte ich eines Tages vielleicht wirklich mal wieder irgendwo mit ner Spraydose stehen, muss daraus kein Video entstehen. Wenn ich etwas programmiere, muss es nicht sofort jemand sehen.

Manche Dinge dürfen einfach nur mir gehören.

Natürlich habe ich in den letzten 3 Jahren auch Mist gebaut. Zeit verschwendet. Ideen gehabt, die nicht besonders gut waren. Gehört alles dazu. Aber was ich definitiv nicht vermisse, ist kostenlose Arbeit für Plattformen, die aus meiner Aufmerksamkeit ihr Geschäftsmodell machen.

Meine kleine Ecke im Netz wird niemals groß. Und genau deshalb funktioniert sie für mich. Hier gibt es keine Zahlen, die mir sagen, ob etwas erfolgreich war. Kein Algorithmus, der beleidigt ist, wenn ich mal eine Woche nichts veröffentliche. Es ist einfach wieder das, was es für mich immer sein sollte. Ein Hobby. Ein Ort, an dem ich Gedanken aus meinem Kopf in Worte verwandeln und Dinge festhalten kann, die mich beschäftigen.

Mehr brauche ich nicht.

3 Gedanken zu “3 Jahre nur noch Blog

  • Hast du seit dem nicht daran gedacht wieder was mit Social Media zu machen? Ich habe schon mehrfacht versucht mich da raus zu tun oder es wenigstens massiv einzuschränken aber irgendwie klappt es nicht. Es kann manchmal echt einfach zu viel werden aber trotzdem habe ich Leute, gerade im Fediverse, von denen ich gerne was lese und das würde mir dann schon fehlen.

    • Nein. Mir fehlt Social Media überhaupt nicht. Das fühlt sich für mich inzwischen ungefähr so an wie damals nachm Aufhören mit Rauchen und tierischen Lebensmitteln. Am Anfang schaut man noch gelegentlich, einfach weil die Gewohnheit noch da ist. Irgendwann merkt man dann, dass einem der ganze Kram ziemlich egal geworden ist. Und was Menschen angeht, die Dinge ausschließlich auf oft abgeschlossenen Social Media Kanälen teilen… Wenn sie wollen, dass es nur dort gesehen wird, können sie das gern machen. Ist ja ihr gutes Recht. Ich bin dann nur schlicht nicht ihre Zielgruppe. Ich gehe ja auch auf keine Party, zu der ich absichtlich nicht eingeladen wurde.

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