Wo sind die Allesfresser unter den Buchblogs?
In den letzten Tagen versuchte ich mir einen Überblick über die deutschsprachige Buchblog-Landschaft zu verschaffen, weil ich auf der Suche nach neuen Leseempfehlungen war. Also dieser leicht optimistischen Idee folgend, dass das Internet einem noch ungefiltert gute Bücher vorsetzt, statt einem nur das nächste Romantasy-Duplikat aus Algorithmus-Hand an die Birne zu knallen.
Dabei interessierte mich vor allem die Frage, ob es da draußen noch literarische Allesfresser wie mich gibt. Menschen, die heute einen Manga lesen, morgen ein politisches Sachbuch, übermorgen García Márquez und am Wochenende vielleicht einen Science-Fiction-Roman. Bücherfreunde, die sich nicht auf ein Genre festlegen, sondern einfach das lesen, worauf sie gerade Lust haben, und genau darüber schreiben.
Dabei fiel mir auf, dass es 2026 noch erstaunlich viele Buchblogs gibt, was in Zeiten von TikTok und Instagram schon fast wie ein kleines Wunder wirkt. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass viele Blogs heute ein deutlich engeres thematisches Korsett tragen als früher. Einer macht Fantasy, einer Romance, einer Krimis, Manga oder ausschließlich Gegenwartsliteratur. Daran ist natürlich überhaupt nichts falsch. Im Gegenteil! Wer sich freiwillig jahrelang durch ein Genre liest, verdient eigentlich schon eine Art Ausdauerpreis.
Wer allerdings fast ausschließlich in einem Genre unterwegs ist, entwickelt zwangsläufig eine gewisse Erwartungshaltung, wie Figuren funktionieren "sollten", wie Konflikte aufgebaut werden „müssen“ und wie Spannung typischerweise erzeugt wird. Das ist zunächst einmal Erfahrung, also das freundliche Wort für man hat sich an bestimmte Muster gewöhnt. Gleichzeitig ist es aber eben auch Gewohnheit, die den Blick ein Stück weit festlegt.
Man liest dann so tief in den eigenen Mustern, dass sie irgendwann wie Naturgesetze wirken. Wechselt man später mal in ein anderes Genre, fällt einem plötzlich alles auf, was dort völlig normal ist, im eigenen System aber sofort wie ein erzählerischer Regelbruch aussieht. Nicht, weil es objektiv ungewöhnlich wäre, sondern weil der eigene Vergleichsrahmen inzwischen ungefähr so flexibel wie ein Betonblock ist.
Fragt mich mal, wie ich mich gefühlt habe, als ich mit Anfang 40 Manga für mich entdeckt habe, diese bunten Kinderbücher, wie ich sie bis dahin in meiner ignoranten Vorverurteilung genannt hätte, die ich heute nicht mehr aus der Hand lege und über alles liebe.
Zurück zum Thema. Ich vermisse manchmal die größere Unordnung früherer Blogjahre. Damals wirkten viele Buchblogs eher wie digitale Lesetagebücher mit Internetanschluss. Man wusste nie so genau, was als Nächstes kommt. Zwischen einem russischen Klassiker konnte plötzlich ein Comic auftauchen, danach ein feministisches Sachbuch und anschließend irgendein Science-Fiction-Roman aus einer Zeit, in der man noch ernsthaft dachte, wir hätten 2026 fliegende Autos.
Vielleicht hat sich die Landschaft einfach verändert. Wer heute sichtbar sein möchte, fährt mit einem klaren Profil wahrscheinlich besser oder zumindest mit einem, das sich in drei Hashtags auf Instagram erklären lässt. Vielleicht sind die alten Allesfresser aber auch gar nicht verschwunden, sondern nur weitergezogen.
Manche schreiben heute persönliche Blogs statt Buchblogs. Andere veröffentlichen ihre Gedanken über Bücher zwischen Artikeln über Technik, Fahrräder, Gartenarbeit oder Kochrezepten, weil sich das Leben nun einmal weigert, thematisch sauber sortiert zu bleiben. Wieder andere sind komplett in Newslettern oder sozialen Netzwerken aufgegangen, wo alles ein bisschen schneller vergeht, aber immerhin noch irgendwo steht.
Jedenfalls war meine kleine Recherche deutlich schwieriger als erwartet. Nicht weil es zu wenige Buchblogs gäbe, sondern weil ich nach etwas gesucht habe, das offenbar seltener geworden ist. Menschen, die einfach lesen, worauf sie Lust haben, und darüber schreiben ohne vorher zu prüfen, ob das gerade ins eigene Branding passt.
Falls ihr solche Blogs kennt, immer her damit. Über Empfehlungen freue ich mich jederzeit. Schreibt mir einfach eine Mail.