Kunst vom Künstler trennen...
Früher las ich Bücher, sah Filme und hörte Musik, die mir gefiel. Wer dahinterstand, interessierte mich etwa so sehr wie die Zutatenliste auf einer Chipstüte. Das Werk war das Werk. Die Person dahinter blieb oft weit weg.
In den letzten Jahren fällt es mir jedoch zunehmend schwerer, diese ignorante Harmonie aufrechtzuehalten. Nicht bei jeder Kleinigkeit. Nicht bei jedem Menschen, der irgendwann mal einen dummen Satz sagte oder auf Social Media postete. Aber wenn ich weiß, dass jemand offen für Dinge steht, die meinen Überzeugungen massiv widersprechen, dass ich mich frage, ob wir überhaupt auf demselben Planeten leben, dann wirds schwierig.
Ich höre sehr viel Musik, immer und überall, aber so einiges heute nicht mehr. Nicht, weil die Songs oder Alben plötzlich schlechter wäre, sondern weil ich den Menschen dahinter nicht mehr ausblenden kann. Und das, obwohl ich früher Großmeister darin war, unangenehme Fakten einfach zu ignorieren.
Genau das wundert mich manchmal selbst. Bin ich konsequenter geworden? Oder mache ich mir das Leben unnötig kompliziert?
Gestern kam mir dieser Gedanke wieder, als ich in einem öffentlichen Bücherschrank ein Werk von Johannes Agnoli entdeckte. Da war er wieder, dieser innere Widerspruch... Ah, da liegt wieder nen Buch, das du eigentlich lesen willst, aber dann doch nicht, da ich seine Lebensgeschichte kannte.
Einerseits habe ich etwas übrig für seine politischen Analysen, seine Kritik an Machtstrukturen, seine theoretischen Gedanken. Andererseits steht da die Person dahinter. Agnolis faschistische Jugend, seine Verstrickungen und die Frage, wie ehrlich er das alles aufgearbeitet hat. Spoiler, nicht so gut, wie man hoffen würde.
Es geht mir nicht darum, dass Menschen keine Entwicklung durchmachen dürfen. Im Gegenteil! Menschen verändern sich. Niemand ist nur die Summe seiner schlechtesten Jugendentscheidungen.
Doch für mich bleibt halt ein Unterschied, ob jemand seine schwierige Vergangenheit kritisch aufarbeitet oder ob bestimmte Fragen offen bleiben. Besonders, wenn er so in der Öffentlichkeit steht und völlig gegenteilige Ansichten als früher vertritt.
Agnoli sprach sehr selten und nur auf explizite Nachfrage über seine Mitgliedschaft in der faschistischen Jugendorganisation. Und wenn, dann stellte er seine Jugend als „Linksfaschismus“ dar. Ein Begriff, der aus jugendlichem Aufbegehren entstanden sei und heute wieder vermehrt gebraucht wird. Gleichzeitig verschwieg er jedoch, wo immer es ging, seine Tätigkeit für die Waffen-SS.
Ich lese seine Schriften so, dass er darin nicht seine persönliche Schuld, sondern die Ideologien, die den Faschismus attraktiv machten analysierte. Für mich ging es ihm um Aufklärung gegen ein Wiedererstarken des Faschismus, nicht um persönliche Buße. Diese Herangehensweise mag intellektuell redlich wirken, doch bei mir erweckt sie den Eindruck, dass die eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen eher theoretisch abgehandelt als emotional und moralisch aufgearbeitet wurde.
Hinzu kommt die Frage, ob Agnolis spätere Parlamentarismuskritik vielleicht doch ein paar theoretische Wurzeln in seiner faschistischen Jugend hat. Er bezog sich ja selbst oft auf Vilfredo Pareto, einen Denker, der in der faschistischen Bewegung so zentral war wie Ketchup zu Pommes. Zufall? Vielleicht. Unheilvolle Kontinuität? Wahrscheinlicher.
Und genau diese Gedanken beschäftigen mich. Ich will keinesfalls der Typ sein, der sagt „Eine Person hatte eine problematische Vergangenheit, also sind alle späteren Gedanken wertlos.“ So funktioniert Geschichte für mich nicht.
Aber genauso wenig kann ich so tun, als wäre mir die Person hinter dem Werk komplett egal. Früher war die Frage hauptsächlich, ob mir das Buch, der Film oder das Album gefällt.
Über die Jahre veränderte sich das schleichend. Wer steht dahinter? Welche Geschichte bringt diese Person mit? Welche Verantwortung habe ich als Leser, Zuhörer oder Zuschauer?
Ob das besser ist, weiß ich nicht.
Es macht meine Welt auf jeden Fall etwas komplizierter.
Aber vielleicht ist das auch der Preis dafür, genauer hinzuschauen.