Piehnat

Ein Blog. Wie früher. Nur heute.

KI kann alles nur den Weg nicht

Ich frage mich manchmal, ob wir gerade dabei sind, genau das abzuschaffen, was uns eigentlich besser macht. Nicht das Ergebnis. Den Weg dorthin.

KI kann heute Texte, Bilder, Code. Dinge, für die Menschen früher teils Jahre brauchten, gibt es inzwischen auf Knopfdruck. Ein paar Worte in die Tastatur hämmern, kurz warten und fertig ist das Ergebnis aus der digitalen Mikrowelle.

Und natürlich ist das beeindruckend. Es wäre auch selten dämlich, so zu tun, als wären diese Werkzeuge grundsätzlich schlecht. Ich nutze KI selbst. Vor allem für die Dinge, auf die ich keine Lust habe. Für nervige Mails an die Krankenkasse, Reklamationen beim Paketdienst, schnelle Fragen zu einem Film oder einer Serie, Rezeptidee... Also genau für die kleinen Dinge des Alltags oder Zeug, auf das ich keinen Bock habe und einfach froh bin, wenn es erledigt ist.

Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto unwohler wird mir manchmal dabei. Nicht, weil ich KI grundsätzlich schlecht finde. Sondern weil ich mich frage, wo die Grenze liegt. Wann nehme ich mir nur lästige Arbeit ab und wann nehme ich mir genau den Prozess weg, durch den ich eigentlich etwas lernen könnte?

Wenn ich an Menschen denke, deren Arbeit mich beeindruckt, dann fasziniert mich selten nur das fertige Werk. Mich interessiert die Geschichte dahinter. Ihre Umwege. Ihre Fehler. Ihre Zweifel.

Ich verschlinge sehr gerne Biografien und genau dort fällt mir das immer wieder auf. Menschen, die ich bewundere, wurden nicht dadurch gut, dass sie schnell perfekte Ergebnisse produzierten.

Sie wurden gut, weil sie ausprobierten, verwarfen und neu anfingen. Weil sie sich lange, teils ein Leben lang mit einer Sache beschäftigten.

Schon der nachdenkliche Grieche Aristoteles wusste, dass wir werden Baumeister werden, indem wir bauen und Musiker, indem wir musizieren. Verrückt, diese alten Philosophen. Fast so, als hätten die sich vor ein paar tausend Jahren schon Gedanken über Dinge gemacht, die heute wieder brandaktuell sind.

Und genau hier beginnt mein Problem mit KI. Nicht mit KI an sich, sondern mit der Versuchung, immer den einfachsten Weg zu nehmen.

Denn natürlich kann ich mir einen Text schreiben lassen. Ein Bild erzeugen lassen. Code erstellen lassen. Wahrscheinlich ist das Ergebnis sogar besser, als das, was ich selbst geschafft hätte. Aber was habe ich dabei gelernt?

Wenn ich mir ständig den Weg abnehmen lasse, fehlen mir irgendwann genau die Erfahrungen, durch die ich besser werde. Das Fluchen über einen Fehler. Die Sackgasse nach 7 Stunden Arbeit. Das mich innerlich zum explodieren bringende "Bruder, warum funktioniert dieser Shize jetzt schon wieder nicht?" Gefühl.

Genau diese Momente formen Fähigkeiten. Nicht das fertige Ergebnis.

Ein von KI geklöppeltes Bild im Stil meiner über alles geliebten Frida Kahlo kann auf den ersten Blick beeindruckend aussehen. Farben, Formen, bestimmte Merkmale ihres Stils, all das kann es erstaunlich gut nachahmen. Aber was es nicht besitzt, ist die Geschichte hinter diesen Bildern.

Frida Kahlo malte nicht einfach schöne bunte Bilder. Ihre Werke entstanden aus ihrem Leben. Aus Krankheit, ihrem schweren Unfall, Liebe, politischen Überzeugungen und seelischem Schmerz. Sie verband persönliche Erfahrungen mit mexikanischen Motiven und leuchtenden Farben und das kann man sehen.

Ein KI-Bild hat nichts erlebt. Es hat keinen Schmerz verarbeitet. Es hat keine Erinnerungen. Es hatte nicht einmal einen schlechten Montagmorgen ohne Kaffee.

Ein 5 Euro KI-Bild aus dem Baumarkt erfüllt seinen Zweck. Es hängt an der Wand, aber für mich bleibt es austauschbar.

Es geht nicht nur darum, wie etwas aussieht. Es geht darum, warum es existiert.

Vielleicht besteht die größte Ironie der KI darin, dass sie uns immer bessere Ergebnisse liefert, während wir selbst immer seltener besser werden.

Mir persönlich geht es nicht darum, möglichst viel zu produzieren. Mir geht es darum, mich selbst durch den Prozess zu verändern.

Ein Blogbeitrag, den ich selbst geschrieben habe, mit all seinen kleinen Fehlern, Umwegen und manchmal holprigen Formulierungen, ist für mich wertvoller als ein aalglatter KI-Text.

Nicht weil er objektiv besser ist. Vermutlich findet irgendwo jemand Kommafehler, Denkfehler oder Stellen, an der ich mir selbst widerspreche. Willkommen im echten Leben. Sondern weil ich ihn geschrieben habe.

Schreiben ist für mich nicht einfach der letzte Schritt, bevor etwas rausgehauen wird. Das Schreiben ist der eigentliche Grund, warum ich schreibe. Schreiben ist die Art, wie ich meine Gedanken überhaupt sortiert bekomme. Ich krame Dinge aus meinem Kopf, zerlege sie, schaue sie mir von allen Seiten an und stelle nicht selten fest, dass meine erste Meinung vielleicht doch nicht so schlau war, wie sie sich in meinem Kopf anhörte.

Oft entdecke ich beim Schreiben auch eigene Fehler. Dinge, die ich anders hätte machen können. Situationen, in denen ich vielleicht nicht besonders klug reagiert habe. Und genau dafür ist dieser ganze Aufwand eigentlich nur da. Nicht um perfekte Texte zu produzieren, sondern um beim nächsten Mal vielleicht ein kleines bisschen weniger Blödsinn zu verzapfen.

Neulich las ich bei einem Blogger, den ich seit Jahren unregelmäßig verfolge, dass er ohne KI die Schlagzahl seiner Beiträge nicht mehr halten könne. Ich kickte ihn umgehend aus meinem RSS-Feed gekickt. Denn der ist für Menschen, deren Gedanken ich lesen möchte, und kein Fließband für Contentproduktion nach McDonalds-Prinzip.

Das mag für manche übertrieben wirken. Checke ich, aber ich lese Blogs nicht, weil ich möglichst viele Artikel konsumieren möchte. Mich interessieren die Menschen dahinter. Ihre Gedanken. Ihre Zweifel. Ihre Eigenheiten. Ihre manchmal völlig absurden Gedankensprünge. Wenn ich perfekte optimierte Textwüsten will, die möglichst effizient produziert wurden, kann ich auch direkt eine KI fragen.

Vielleicht klingt das boomeresk. Vielleicht sogar ein bisschen stur. Aber genau diese Unperfektheit ist für mich der Reiz. Ich möchte einen Menschen lesen. Mit Ecken, Fehlern und einer eigenen Stimme.

KI kann ein fantastisches Werkzeug sein. Sie kann Arbeit erleichtern, Zeit sparen und uns bei vielen Dingen unterstützen. Aber sie sollte in meinen Augen nicht den Kern des Handwerks ersetzen.

Den bewussten Prozess. Das Ausprobieren. Das Scheitern. Das Lernen.

Denn am Ende ist das fertige Ergebnis nur die halbe Geschichte. Der andere Teil ist das Chaos davor. Die Fehler, das Fluchen, die Sackgassen, die Momente des inneren Explodierens und die gefühlten 732 Momente, in denen man alles hinschmeißen möchte. Ausgerechnet der Teil, den wir am liebsten überspringen würden, ist der Teil, an dem wir eigentlich wachsen.

gedacht

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