Piehnat

Ein Blog. Wie früher. Nur heute.

Loslassen und weiterschreiben

In den letzten Tagen tat ich etwas, das sich früher wahrscheinlich wie Blasphemie angefühlt hätte. Ich habe hier eine dreistellige Anzahl an Tutorials gelöscht. Einfach weg damit.

Keine Panik. Ich hatte keinen Nervenzusammenbruch und bin auch nicht plötzlich gegen Open Source oder Selfhosting. Ganz im Gegenteil. Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass Dinge sich verändern. Und manchmal ist das sogar ganz angenehm.

Wenn ich auf die letzten zwanzig Jahre meiner Bloggerei zurückblicke, bestand ein ziemlich großer Teil davon aus Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Wie installiert man dies? Wie richtet man jenes ein? Welche Befehle müssen ins Terminal? Warum startet der Dienst nicht? Wie bekomme ich den Raspberry Pi dazu, endlich das zu tun, was er soll, anstatt mich mit kryptischen Fehlermeldungen zu beleidigen?

Ich mochte das. Ehrlich.

Zum einen, weil ich Open Source liebe. Weil ich den Gedanken mag, sich ein Stück unabhängiger von den üblichen Datenkraken zu machen. Zum anderen, weil ich damit immer mein eigenes Nachschlagewerk hatte. Irgendwann vergisst man eben doch, welchen Schalter man vor drei Jahren umgelegt oder welchen völlig absurden Workaround man sich nachts um halb eins ausdachte. Dann war es ganz praktisch, den eigenen Blog zu durchsuchen und festzustellen, dass ich damals offenbar genauso verwirrt wie heute war.

Ganz umsonst waren die Beiträge offenbar auch nicht. Obwohl ich bis heute keine Ahnung habe, wie viele Menschen meine Blogs überhaupt gelesen haben. Ich habe nie Besucherzahlen verfolgt, nie Tracking eingebaut und nie Statistiken analysiert. Ob hier zehn oder zehntausend Leute vorbeischauen, war mir schon immer völlig egal, da ich bis heute in erster Linie tippe, um Dinge aus meinem Kopf zu bekommen und sie später bei Bedarf mal nachlesen zu können.

Angekommen sind all die Tutorials offenbar trotzdem. Über die Jahre bekam ich unzählige Mails. Leute bedankten sich, stellten Fragen oder hatten ein etwas anderes Setup, andere Hardware oder irgendwelche Fehlermeldungen, die natürlich genau in meiner Anleitung nicht vorkamen. Oft wurde dann gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Heute passiert das kaum noch und ich verstehe das vollkommen.

Wenn die Nextcloud plötzlich irgendwelche kryptischen Fehler ausspuckt, werfen Menschen heute einfach einer KI die Fehlermeldung vor die Füße und bekomme in wenigen Sekunden eine halbwegs brauchbare Antwort. Manchmal sogar eine richtige. Falls nicht, entschuldigt sie sich höflich und wirft einen neuen Befehl aus. Das ist zwar gelegentlich ungefähr so vertrauenswürdig wie "Ich hab da mal einen Typen im Internet gefragt", aber erstaunlich oft funktioniert es trotzdem.

Warum sollte man da noch einen ellenlangen Blogartikel suchen, um anschließend zu hoffen, dass Debian, Docker, PHP, Software oder der Mondstand sich seit der Veröffentlichung nicht komplett verändert haben? Eben.

Früher hätte mich dieser Gedanke ziemlich sicher geärgert. Heute bin ich ehrlich gesagt einfach erleichtert.

Denn was viele nicht sehen, ein Tutorial ist nie fertig. Es will gepflegt werden. Es möchte aktualisiert werden. Es möchte darauf hinweisen, dass Paket XY inzwischen anders heißt, Befehl Z nicht mehr funktioniert und Version 3.8 jetzt Version 9.4 ist, obwohl niemand weiß, warum Software heutzutage Nummern würfelt. Wenn man wie ich über die Jahre Hunderte davon angesammelt hat, wird aus einem kleinen Hobbyprojekt irgendwann eine Dauerbaustelle.

Und irgendwann kommen dann natürlich Mails mit dem Inhalt "Aber das geht doch heute gar nicht mehr, oder?"

Nein. Tut es nicht. Danke fürs Erinnern.

Natürlich könnte ich alles ständig überarbeiten. Oder ich akzeptiere einfach, dass es inzwischen Werkzeuge gibt, die genau für solche individuellen Anleitungen ziemlich gut geeignet sind.

Ich hab mich für Letzteres entschieden. Deshalb sind fast alle Tutorials weg. Nicht aus Frust. Nicht aus Wut auf KI. Sondern weil ich endlich einen guten Grund hatte, mit etwas aufzuhören, das mir schon lange mehr Arbeit als Freude machte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Open Source, Datenschutz und Selfhosting hier verschwinden.

Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass sie dadurch für mich selbst wieder spannender werden.

Ich muss niemandem mehr erklären, wie man Software installiert. Das kann KI heute besser und schneller. Aber eine KI kann nicht erzählen, warum mich eine Software nach zwei Jahren in den Wahnsinn getrieben hat. Sie hat keine Meinung dazu, welcher Hoster wieder irgendwo Probleme macht, welche Benutzeroberfläche nach dem dritten Update plötzlich aussieht, als wäre sie von meinem Toaster entworfen worden, oder warum ich den einen Dienst gegen einen anderen ausgetauscht habe.

Sie hat auch keine eigenen Bastelfehler. Keine Familie, die fragt, warum schon wieder irgendein Dienst verschwunden ist, rumzickt oder jetzt alles anders aussieht. Keine Raspberry Pis, die einen genau dann ärgern, wenn man eigentlich nur fünf Minuten etwas testen wollte. Und sie kennt auch nicht dieses befriedigende Gefühl, wenn nach 3 Stunden Fluchen plötzlich alles funktioniert und man keine Ahnung hat, warum.

Genau darüber möchte ich lieber schreiben.

Über Erfahrungen statt Anleitungen. Über Dinge, die funktioniert haben. Und noch lieber über Dinge, die überhaupt nicht funktioniert haben.

Über Hardware, Software, Datenschutz, Selbsthosting, Open Source und all die kleinen Katastrophen dazwischen.

Pläne habe ich dafür keine. Die haben bei mir ohnehin noch nie besonders gut funktioniert. Das Leben ist erstaunlich kreativ, wenn es darum geht, sorgfältig geschmiedete Pläne innerhalb weniger Minuten in Affenscheisse zu verwandeln.

Also lasse ich es einfach auf mich zukommen. Ich werde weiter bloggen. Mal häufiger. Mal seltener.

Vielleicht auf diesem System. Vielleicht irgendwann wieder auf einem anderen, weil mein Basteltrieb leider ebenfalls nicht verschwindet.

Aber eines steht fest. Die endlosen Copy-&-Paste-Anleitungen überlasse ich künftig der KI.

Und das ist völlig in Ordnung. Auch wenn mir bewusst ist, dass KI nicht einfach von kleinen digitalen Heinzelmännchen betrieben wird und der ganze Spaß ein riesiger ökologischer Clusterfuck ist. Aber das ist ein anderes Thema.

gedacht

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