Zu alt für Spaß?
Ich bin 45, trage noch immer Baggy Pants, zu große Hoodies, NBA Trikots und Skaterschuhe. Ich höre noch immer viel zu laut Blink-182 und andere Pop-Punk-Kapellen, zocke auf der Xbox und auf meinem Game Boy Advance. Naja, gut, der heißt heute Anbernic RG34XX und ist technisch gesehen kein Game Boy mehr, aber darauf laufen halt meine alten GBA-Roms. Das zählt.
Ich kritzel Character und Graffiti, wenn meine Gesundheit es mal zulässt und glotze inzwischen ziemlich viel Anime, was erst in den letzten Jahren so richtig zu mir gefunden hat und kaum läuft irgendwo ein NBA-Spiel, schlage ich mir dafür noch immer gern die Nacht um die Ohren.
Im Grunde bin ich noch immer 20. Nur eben im Körper eines 45-jährigen Opas mit grauem Bart und mehr Haaren auf den Kniescheiben als aufm Kopf. Und ich habe damit überhaupt kein Problem. Nach den pessimistischsten Schätzungen wäre ich eh längst tot. Warum sollte ich also jetzt anfangen, mich zu verhalten, als müsste ich irgendeiner Altersnorm hinterherlatschen?
Was ich dagegen ziemlich faszinierend finde, ist dieses „Bist du dafür nicht langsam zu alt?“ oder „Werd endlich erwachsen“, das man von Menschen ne Generation über mir immer mal wieder zu hören bekommt.
Zu alt für was eigentlich? Für nen NBA-Trikot überm Shirt? Für Blink-182 auf meinen Kopfhörern? Fürs Zocken?
Gibt es irgendwo ne offizielle Stelle, bei der man mit 40 seinen Ausweis abgeben und dafür beige Hosen, Funktionsjacke und ne Gartenlaube mit Gartenzwergen bekommt?
Wenn jemand Bock darauf hat, bitte. Von mir aus kann jeder Mensch mit 45 aussehen, sich anziehen und seine Freizeit verbringen, wie er möchte. Aber warum muss ausgerechnet meine Art zu leben als Zeichen dafür gelten, angeblich nicht erwachsen geworden zu sein?
Ich glaube, für viele Menschen aus der Generation unserer Eltern war Erwachsenwerden viel stärker mit Aufhören verbunden. Aber ich mach denen nicht mal unbedingt nen Vorwurf. Die hatten damals halt auch einfach nicht das Angebot. Die hatten mit 40 ihre Comics aus den 60ern und 70ern wirklich durch, es gab keine Xbox, kein Internet, keinen endlosen Anime-Katalog, der einen bis ins Grab begleitet. Für die war das Zeug tatsächlich irgendwann durch und sie sind zu anderen Dingen weitergezogen, weil sie mussten. Ich hab heute dagegen diese nie endende Pipeline aus Nostalgie und Neuentdeckungen. Kein Wunder, dass ich da dranbleibe.
Trotzdem steckt dieses Denken, dass man bestimmte Hobbys mit nem bestimmten Alter abzugeben hat, bei vielen noch ziemlich tief drin. Hobbys wurden und werden teilweise regelrecht nach Altersklassen sortiert. Irgendwann keine Comics mehr. Keine Videospiele mehr. Keine „Jugendmusik“ mehr. Bestimmte Klamotten nicht mehr. Vernünftig werden. Seriös auftreten. Sich so anziehen, wie man sich mit Mitte 40 eben sozialkonform anzuziehen hat.
Natürlich gibt es auch hier wie überall jede Menge Ausnahmen. Philipp Amthor ist schließlich auch der jüngste Rentner Deutschlands.
Und nein, das ist nicht dieses Peter-Pan-Syndrom, von dem immer alle labern. Das beschreibt Leute, die keine Verantwortung tragen und sich vor dem Leben drücken. Ich trag Verantwortung. Ich mach meinen Haushalt, zahl meine Rechnungen und kümmere mich um den ganzen anderen Erwachsenenquatsch. Nur halt begleitet von anderen Dingen als denen, die man mir mit 45 offenbar zugestehen möchte. Das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun.
Meine Generation hat dagegen erlebt, wie diese Grenzen immer mehr verschwanden. Wir sind mit Videospielen, Internet, Comics, Punk, Hip-Hop, Anime und all dem Zeug groß geworden und hatten einfach keinen Bock, das alles wieder wegzuwerfen, nur weil die wachsende Anzahl Kerzen langsam nicht mehr auf den Geburtstagskuchen passt.
Erwachsen sein bedeutet für mich Verantwortung übernehmen zu können. Es bedeutet nicht, dass ich plötzlich meine Interessen auswechseln muss, damit mein Leben von außen erwachsen aussieht.
Für mich klingt dieses „Werd endlich erwachsen“ eher nach „Verhalte dich so, wie ich glaube, dass sich jemand in deinem Alter verhalten sollte.“ Und das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum wir uns mit 45 gar nicht so alt fühlen, wie unsere Eltern damals auf uns wirkten.
Ich trage heute vielleicht einen grauen Bart, habe nachts wegen irgendeines NBA-Spiels zu wenig gepennt und muss mich beim Aufstehen erstmal überraschen lassen, welches Gelenk heute knackt, erledige aber trotzdem all das, was Erwachsene halt so erledigen.
Und wenn das für andere nicht erwachsen genug aussieht, dann ist das deren Problem.