Einfach für wen?
Ich musste gestern derbe schmunzeln, als ich las, wie ein Blogger einem anderen Blogger erklären wollte, dass WordPress für seinen kleinen Blog völlig überdimensioniert und komplette Ressourcenverschwendung sei. Seine Lösung wäre eine selbstgedengelte statische Website.
Diese Diskussion kenne ich gut, weil ich selbst lange ähnlich dachte.
WordPress für 2 kurze Beiträge im Monat? Das klingt erstmal wirklich nach mit Kanonen auf Spatzen ballern. Warum eine komplette Software mit Datenbank und allem drumherum nutzen, wenn am Ende nur ein bisschen Text auf der Seite landet? Also lieber statisch. Ein paar Dateien. Fertiges HTML. Schnell ausgeliefert. Klingt perfekt.
Das Problem ist nur, die einfache Lösung ist meistens nur für die Leute einfach, die schon wissen, wie sie funktioniert.
Die Seiten von Static Site Generatoren lesen sich natürlich großartig. Jekyll bewirbt sich als einen einfachen, Blog-fähigen Static Site Generator. Hugo verspricht Geschwindigkeit, Flexibilität und dass Webseiten bauen endlich wieder Spaß macht. Eleventy nennt sich selbst einen einfacheren Static Site Generator...
Klingt super. Die Frage ist nur, einfach für wen? Für jemanden wie mich? Ja.
Ich hab Spaß an Technik. Ich probiere gerne neue Systeme aus, installiere aus Neugier neue Software und verbringe manchmal mehr Zeit damit, an der Technik hinter etwas zu fummeln, als den eigentlichen Inhalt zu erstellen.
Für mich ist ein Terminal keine Hürde. Mir macht das Spaß.
Aber nehmen wir jetzt einfach mal Brigitte, die jeden Sonntag einfach nur 3 Absätze über ihre Woche raushauen will. Bei WordPress sieht der Ablauf so aus: Browser öffnen, anmelden, Beitrag schreiben, veröffentlichen. Fertig.
Bei statischen Seitengeneratoren sieht es etwas anders aus. Erst muss das System eingerichtet werden. Dann braucht man einen Editor. Beiträge werden als Dateien geschrieben. Man muss wissen, wie Markdown funktioniert. Man muss verstehen, wo Bilder hinmüssen. Man muss wissen, wie die Seite gebaut wird. Und wenn der Beitrag fertig ist, ist er noch nicht online. Dann muss die Seite erst generiert und anschließend veröffentlicht werden.
Für jemanden wie mich, der Technik mag, ist das ein schöner Workflow. Für jemanden, der einfach nur schreiben will, ist es erstmal eine zusätzliche Aufgabe.
Und genau hier finde ich die Diskussion interessant. Wir, inklusive mir, werfen WordPress gerne vor, dass es zu viel Ballast mitbringt. Aber manchmal vergessen wir, dass auch unsere "einfachen" Lösungen Ballast haben. Nur sieht dieser anders aus.
Bei WordPress sind es Plugins, Datenbanken... Bei statischen Seiten sind es Werkzeuge, Abläufe und Wissen, das man vorher besitzen muss. Beides hat seine Berechtigung.
Ein Technik-Fan, der seine eigene Seite baut, hat vielleicht Spaß daran. Aber wenn jemand einfach nur seine Gedanken, Rezepte oder Erlebnisse teilen möchte, ist die Frage nicht, was technisch schöner ist. Die Frage ist, was diese Person am wenigsten im Weg steht.
Vielleicht ist WordPress für manche Menschen tatsächlich überdimensioniert. Vielleicht ist ein Static Site Generator für manche Menschen aber auch unnötig kompliziert.
Das eigentliche Problem ist nicht das Werkzeug. Das Problem ist, wenn wir vergessen, dass andere Menschen andere Prioritäten haben.
Und ganz ehrlich, wenn jemand ernsthaft behauptet, ein Mensch mit ein paar Blogbeiträgen in WordPress sei wegen dieser "Ressourcenverschwendung" das Problem, während gleichzeitig KI Systeme mit absurdem Energieverbrauch die Erde killen, dann hat der wahrscheinlich einfach nur ein bisschen zu viel Lack gesoffen.