Der Mensch hinter der Schublade
Vor einiger Zeit war ich auf einem Geburtstag. Zwangsweise, denn wenn es etwas gibt, bei dem ich nicht unbedingt freiwillig vorne mit dabei bin, dann sind es Veranstaltungen mit vielen Menschen. Nicht, weil ich sie grundsätzlich nicht mag, sondern weil mir dieser ganze soziale Kladderadatsch oft mehr Energie zieht, als es mir gibt. Ich bin absolut nicht der Typ Mensch, der nach 3 Stunden Smalltalk mit fremden Leuten heeme latscht und denkt "Wow, das war jetzt genau das, was mir gefehlt hat".
Dort kam ich kurz mit einem mir unbekannten Dude ins Gespräch, der mich "Was machst du?" fragte.
Ich antwortete so, wie ich die Frage verstanden hatte und sagte, dass ich gerade überlege, ob ich mir noch 1 Stück von dem geilen Erdbeerkuchen reinzimmere und danach mal in der Uniklink wegen einem Termin anrufen muss.
Die Reaktion kam ziemlich schnell. Er meinte ziemlich abwertend, dass er nicht nach meiner halben Lebensgeschichte gefragt hätte, sondern danach, was ich beruflich mache.
Das Interessante daran ist, dass er genau das nicht gefragt hatte. Wenn er wissen wollte, womit ich meine Schrippen verdiene, hätte er diese Frage stellen können.
Aber eigentlich geht es mir gar nicht um diese eine Situation. Sie ist nur eine von vielen. Menschen können sich missverstehen. Das passiert. Manchmal reden 2 Menschen einfach aneinander vorbei. Blöd gelaufen, weiter geht's. Mal wieder.
Was mich daran beschäftigt, ist der Moment danach. Wie schnell aus einer Kleinigkeit ein Bild von einem Menschen entsteht, da ich über 3 Ecken zu hören bekam, was fürn komischer arroganter Vogel ich doch sei.
Hat mich dann doch mehr beschäftigt, als ich eigentlich dachte. Nicht, weil mir die Meinung eines Menschen wichtig ist, der mich nicht kennt. Sondern weil sie mich an etwas erinnert, das mich schon sehr lange begleitet. Dieses Gefühl, dass Menschen oft nicht mich sehen, sondern eine Version von mir, die sie sich aus wenigen Momenten zusammengesetzt haben.
Wenn ich sage, dass ich anders denke, meine ich nicht, dass ich schlauer bin als andere. Das wäre mit meinem gerade so geschafften Realschulabschluss eine ziemlich lächerliche Behauptung. Ich denke einfach anders.
Das klingt schnell nach diesem unangenehmen "Ich bin anders als alle anderen". Genau das meine ich aber nicht. Ich halte mich sicher nicht für etwas Besonderes. Ich habe nur oft gemerkt, dass ich viele Dinge anders wahrnehme als mein Umfeld.
Mit belanglosem Gerede konnte ich noch nie besonders viel anfangen. Dieses soziale Pingpong aus "Na, alles gut?" und "Ja, und selbst?" fuckt mich richtig ab. Menschen interessieren mich schon. Aber meistens erst dann, wenn es um echte Gespräche geht. Um Gedanken, Erfahrungen, Zweifel oder Dinge, die über die Oberfläche hinausgehen.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich manchmal schwer einzuordnen bin.
Ich glaub, Menschen arbeiten stark mit Mustern. Unser Gehirn liebt Schubladen, vermutlich weil es einfacher ist, nen Menschen irgendwo einzuordnen, als sich die Mühe zu machen, ihn wirklich kennenzulernen. Wir vergleichen neue Bekanntschaften mit bekannten Typen und bauen uns daraus ein Bild.
Das ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Irgendwie müssen wir die Welt ja sortieren. Problematisch wird es nur bei Menschen wie mir, die nicht so richtig in dieses Raster passen.
Denn einmal einsortiert, wird vieles durch diese Brille gesehen. 1 Satz, der für mich völlig logisch ist, wirkt auf andere komplett deplaziert. Ich kenne diese Lücke. Die Lücke zwischen dem Menschen, der ich bin, und dem Menschen, für den andere mich halten.
Ich weiß, wer ich bin. Natürlich nicht perfekt. Ich kann mich genauso täuschen wie jeder andere Mensch auch. Aber ich habe über die Jahre zwangsweise ein ziemlich gutes Gefühl dafür entwickelt, wie ich denke und warum ich Dinge sage, um nicht permanent anzuecken. Trotzdem schaffe ich es selten, anderen denselben Zugang zu mir zu geben.
Natürlich frage ich mich, ob ich das Problem bin. Ob ich soziale Signale übersehe oder mich selbst nicht so klar sehe, wie ich glaube. Vielleicht gibt es Dinge an mir, die andere sofort bemerken und die mir selbst entgehen. Ich kann das nicht ausschließen.
Aber ich sehe auch ein Muster. Immer wieder reagieren Menschen auf eine Version von mir, die sie sich zusammengebaut haben, und nichts, was ich sage, verändert dieses Bild. Vielleicht haben sie recht. Vielleicht nicht. Ich werde es wohl nie erfahren.
Man kann nicht einfach ehemalige Freunde fragen, warum sie irgendwann Abstand genommen haben oder welcher Moment für sie alles verändert hat. Das wäre vermutlich auch ein ziemlich seltsames Gespräch. "Hallo, ich wollte nur mal kurz wissen, an welchem Punkt du entschieden hast, keinen Bock mehr auf mich zu haben."
Vielleicht haben diese Menschen etwas an mir gesehen, das ich selbst nicht sehe. Vielleicht haben sie auf etwas Reales reagiert. Vielleicht lag ich falsch. Vielleicht passiert es aber auch einfach, dass Menschen manchmal nicht den echten Menschen kennenlernen, sondern ihre eigene Vorstellung von ihm.
Was ich mir eigentlich wünsche, ist gar nicht, dass mich jeder versteht. Das wäre vermutlich eine ziemlich unrealistische Forderung. Ich erwarte auch nicht, dass jemand vor einer Freundschaft erst meine Bedienungsanleitung studiert.
Ich wünsche mir nur Menschen, die bei einem Moment, der sie irritiert, nicht sofort denken "Was fürn Vogel", sondern kurz überlegen, ob ich nicht vielleicht einfach anders bin und man das nicht jedem Menschen zugestehen sollte.