Piehnat

Ein Blog. Wie früher. Nur heute.

Ach du liebes Gesundheitssystem

Wer meine manchmal etwas ausufernde Tipperei hier liest, weiß, dass ich krank bin. Also so wirklich krank, nicht dieses deutsche Büromoral-krank, wo einer sagt, ich bin eigentlich tot, aber ich komme trotzdem ins Meeting, weil ich ja so heftige Verantwortung habe. So krank krank. So ein Zustand, bei dem der menschliche Körper seinem Besitzer mitteilt hör mal zu Kollege, ich habe die Zusammenarbeit mit deinem Lebenswandel und dieser Gesellschaft vorläufig eingestellt. Und das ist doch eigentlich ein herrliches Thema, dem ich mich mal etwas nähern könnte.

Krankheiten, Gesundheitswesen, eine fantastische Sache, schon der Name alleine, Gesundheitswesen, als ob es da um Gesundheit ginge. Gesundheitswesen klingt nach Fürsorge, nach Heilung, nach der edlen Absicht, dass Menschen möglichst gesund leben sollen. Tatsächlich ist es ein ziemlich hässlicher Laden, in dem sich ein Staat darum kümmert, dass sein Menschenmaterial nicht zu früh verreckt, nicht zu teuer kaputt geht und nach Möglichkeit wieder arbeitsfähig gemacht wird. Werft mir jetzt gern wieder marxistische Propaganda vor, juckt mich nicht.

In dieser Gesellschaft ist Gesundheit kein Zweck, sondern eine Bedingung. Nicht der Mensch soll gesund sein, weil das schön wäre, sondern der Mensch soll so gesund sein, dass er seine Funktion erfüllen kann. Du sollst gesund genug sein, damit du morgens wieder da auftauchen kannst, wo man dich braucht. Und wenn du nicht mehr gebraucht wirst, dann verwandelt sich dasselbe System, das vorher deine Arbeitskraft konservieren wollte, plötzlich in ein Rechenzentrum für Kosten Nutzenabwegung.

Und das ist das Lustige oder eher traurige an der Gesellschaft. Solange du funktionierst, heißt es, Gesundheit ist unser höchstes Gut. Sobald du aber teuer wirst, heißt es, wir müssen hier leider Prioritäten setzen. Es gibt ja diese bürgerliche Erzählung, Krankheit sei irgendwie ein Schicksal, also dass man so selber schuld sei oder dass es persönliches Pech wäre, wenn man krank werden würde.

Der eine hat es und der andere lebt dann glücklicherweise gesund. Der Dritte hätte vielleicht weniger rauchen, mehr schlafen, öfter joggen, weniger Energy trinken, mehr Wasser, mehr Medikation, mehr Omega 3 und wahrscheinlich auch noch dankbarer sein sollen. Also dieser ganze Terror, der dir permanent erzählt wird.

Wenn du nur genug an dir arbeitest, dann wirst du schon gesund, als wäre Gesundheit irgendeine moralische Leistung. Was da komplett ausgeblendet wird, der Körper lebt nicht im luftleeren Raum. Der Mensch wird in Verhältnisse eingespannt, die ihn systemisch verschleißen. Stress, Konkurrenz, Zeitdruck, Lohnarbeit, Schichtsysteme, prekäre Jobs, Existenzangst, Mieten, die dich in die Panik treiben, Ernährung, die nach Preis organisiert ist und nicht nach Vernunft. Umweltgifte, Isolation, Vereinsamung, psychischer Druck, permanente Selbstoptimierung...

Und dann kommt irgendein sehr schlauer Mensch und labert dich mit Fragen wie "Hast du mal probiert früher schlafen zu gehen?" zu. Ja, danke. Der Paketbote, die Pflegekraft, der Lagerarbeiter, die Kassiererin, der befristet beschäftigte Wissenschaftler, die Alleinerziehenden im Bürgergeld-Bezugskarusell, die müssen einfach mal alle ein bisschen besser auf sich achten und vielleicht mal ein Stündchen früher schlafen gehen. Problem gelöst. Das ist die ganze Unverschämtheit der bürgerlichen Gesundheitsmoral. Die Schäden, die diese Gesellschaft produziert, werden dem Individuum als mangelhafte Lebensführung zurückgegeben. Die Leute werden erst kaputt gemacht und dann moralisch dafür verantwortlich erklärt, dass sie kaputt sind. Du arbeitest in einem Job, der dich psychisch auffrisst, dann brauchst du Aufmerksamkeit. Du wohnst im Schimmelbau, schläfst schlecht, frisst billigen Dreck, weil die Kohle nicht reicht? Dann sollst du vielleicht mal mehr Meal Prep machen, Kollege. Du hast ein Burnout, na ja, schon mal mit Journaling probiert? Diese Gesellschaft ist wirklich großartig. Sie produziert systematisch die Gründe für Krankheit und verkauft dir hinterher die App, in der du lernen sollst, sie positiver zu verarbeiten.

Man muss sich immer klar machen, was Gesundheit in dieser Ordnung eigentlich bedeutet. Gesundheit ist ja nicht einfach ein angenehmer Zustand des Körpers. Sie ist die Brauchbarkeit des Menschens. Der Unterschied ist nicht klein, sondern brutal. Wenn Mensch gesund genannt wird, heißt das gesellschaftlich erstmal, er ist belastbar. Er ist einsatzfähig. Er hält den Alltag durch. Er kann leisten, funktionieren und verfügbar sein. Deshalb ist auch der Umgang mit Krankheit so verräterisch. Die erste Frage ist ja selten, was brauchst du eigentlich? Die erste Frage lautet meist, wie lange fällst du eigentlich aus? Das ist die Wahrheit. Krankheit wird sofort als Störung eines Betriebsablaufes behandelt. Im Job sowieso, aber auch staatlich. Deshalb gibt es Lohnfortzahlung, Krankengeld... Nicht, weil der Staat plötzlich Humanist geworden wäre, sondern weil es für eine kapitalistische Gesellschaft lohnt, ihre Arbeitskräfte nicht einfach wahllos verkommen zu lassen.

Der moderne Sozialstaat ist ja nicht die Widerlegung des Kapitalismus, sondern seine vernünftige Ergänzung. Er kümmert sich um die Schäden, die die Konkurrenzgesellschaft anrichtet, soweit es der Aufrechterhaltung dieser Konkurrenzgesellschaft überhaupt dient. Das ist übrigens die gleiche Logik wie bei Straßen, Schulen, Polizei oder Infrastruktur.

Der Staat organisiert die allgemeinen Bedingungen dafür, dass das schöne Spiel aus Geldvermehrung, Ausbeutung und nationaler Standortkonkurrenz laufen kann. Beim Gesundheitswesen heißt das eben, die Bevölkerung soll brauchbar bleiben. Nicht alle gleich gut, nicht alle unendlich teuer und vor allem nicht bedingungslos, sondern im Rahmen dessen, was als notwendig und finanzierbar gilt. Da sieht man dann auch direkt, wie hohl die ganze Sonntagsrede von der Menschenwürde ist, denn im Alltag wird die Würde ziemlich flott in Fallpauschalen, Budgetbegrenzung und Wartelisten übersetzt. Und jetzt kommt der schöne Teil, die Ökonomie des Heilens. Deutschland leistet sich den Luxus Gesundheit als Ware, als Staatsaufgabe und als Geschäftsmodell gleichzeitig zu organisieren. Das ist wirklich ein Kunstwerk bürgerlicher Vernunft. Krankenhäuser sollen heilen, aber wirtschaftlich arbeiten. Ärzte sollen versorgen, aber effizient sein. Pflegekräfte sollen sich bitte kümmern, aber unterbesetzt. Krankenkassen sollen absichern, aber Kosten dämpfen. Patienten sollen versorgt werden, aber den Laden möglichst wenig belasten. Was kann da schon schiefgehen?

Allein die Vorstellung, ein Krankenhaus müsse Gewinne machen oder wenigstens wirtschaftlich tragfähig sein, ist das schon eine perfekte Diagnose dieser Gesellschaft. Eine Institution, deren einziger Zweck darin besteht, Menschen zu versorgen, die krank, verletzt, hilflos oder in Lebensgefahr sind. Und dann sagt die Politik, ja, aber rentieren muss sich der ganze Bums schon. Wie pervers muss ein Laden eigentlich organisiert sein, damit die Behandlung eines Menschen immer zugleich eine betriebswirtschaftliche Rechnung ist? Dann hast du den Arzt nicht einfach als Mediziner, sondern als Akteur in im Abrechnungssystem, den Patienten nicht einfach als Leidenden, sondern als Fall und die Krankheit nicht einfach als Problem des Körpers, sondern als abrechnungsfähige Einheit. Das ist überhaupt ein toller Begriff, über den ihr euch mal Gedanken machen solltet. Ein Mensch erkrankt und sofort wird er verwaltungstechnisch in eine Nummer übersetzt. Dann wird immer zuerst geguckt, was bringt die Behandlung, wie lange darf sie dauern, lohnt sich das Bett, welche Prozedur ist abrechenbar, wie schnell kann der Mensch wieder raus.

Das Gesundheitswesen ist eben kein heiliger Raum außerhalb des Kapitals. Es ist ein Bereich, in dem sich die allgemeinen Prinzipien dieser Gesellschaft nur besonders eklig bemerkbar machen. Denn wo sonst prallen menschliche Bedürftigkeit, staatliche Verwaltung, private Gewinnteressen und der Zwang aus begrenzten Mitteln ein funktionales Versorgungsniveau für die Nation zu organisieren so heftig aufeinander. Das Ergebnis ist dann genau die Mischung, die jeder schon kennt. Hochtechnologische Medizin auf der einen Seite, Verwahrlosung der alltäglichen Versorgung auf der anderen. Du kannst den halben Körper austauschen lassen, aber auf den Therapieplatz wartest du, bis du entweder gesund, tot oder privat versichert bist.

Und dann ist da noch die Pflege. Nur damit das klar ist, ich will euch nicht vorwerfen, dass ihr das Problem seid. Ihr seid Helden da draußen. Aber die Pflege ist ja schon so ein gesellschaftliches Wunder, das seit Jahren nur deshalb nicht vollständig implodiert, weil Menschen dort moralisch erpresst werden. Jeder klatscht, jeder bedankt sich, jeder sagt, das seien die wahren Heldinnen und Helden des Alltags. Und genau daran merkt man ja schon, dass sie materiell verarscht werden. Sobald ein Beruf öffentlich mit Pathos überschüttet wird, kannst du dir ziemlich sicher sein, dass er schlecht bezahlt, chronisch überbelastet und strukturell verheizt wird.

Pflege ist Berufung. Ja, das ist der Satz, mit dem man Leuten erklärt, warum sie für gesellschaftlich notwendige Knochenarbeit schlechte Bedingungen hinnehmen sollen. Berufung heißt übersetzt "Du sollst deinen moralischen Anspruch gegen deine materiellen Interessen selber mobilisieren". Du arbeitest am Limit, hebst Menschen, putzt die Scheiße weg, dokumentierst, tröstest, organisierst, springst für Kollegen ein, machst Nachtschichten, ruinierst Rücken und Psyche. Wenn du sagst, dass es nicht mehr geht, heißt es "Aber denk doch an die Menschen, die du pflegst". Pflege zeigt besonders gut, dass der Kapitalismus von Tätigkeiten lebt, die er gleichzeitig möglichst billig halten will, denn gepflegt werden muss.

Kranke, Alte, Menschen mit Behinderungen, Hilfsbedürftige verschwinden ja nicht nur, weil ein Finanzminister gerade sparen will. Also wird diese notwendige Arbeit organisiert, aber möglichst kostenarm. Und weil Pflege schwer rationalisierbar ist, weil Zuwendung eben Zeit braucht, wird an genau dieser Zeit gespart. Das ist der Witz. In der Industrie kann man Maschinen kaufen, Abläufe beschleunigen, Produktivität erhöhen. In der Pflege heißt Produktivitätssteigerung praktisch nur der gleiche Mensch muss in der gleichen Zeit mehr Menschen irgendwie versorgen. Also Abgehetze, also Oberflächlichkeit, also permanentes schlechtes Gewissen bei denen, die dort arbeiten. Und genau dieses schlechte Gewissen ist ein Teil des Systems. Er hält den Laden länger am Laufen, als es jede faire Bezahlung hier könnte.

Noch mal besonders schön wird's bei psychischen Krankheiten, denn da kommt die ganze moderne Ideologie vollends zur Geltung. Die Gesellschaft produziert in Massen Angst, Depression, Erschöpfung, Vereinsamung, Panik, Sinnlosigkeit und behandelt das dann vorzugsweise als individuelles Verarbeitungsproblem. Der Mensch lebt in Konkurrenz, steht ökonomisch unter Druck, ist austauschbar, soll sich verkaufen, optimieren, flexibel bleiben, ständig anpassungsfähig sein, jederzeit performen, sozial funktionieren, digital präsent sein und dabei bitte noch authentisch wirken. Und wenn dieser Mensch dann irgendwann zusammenklappt, dann lautet die Diagnose, sie haben leider keine ausreichenden Coping-Strategien.

Coping-Strategien auch so ein herrlicher Begriff. Du sollst also lernen, mit einer objektiv beschissenen Lage besser klar zukommen. Die gesellschaftliche Zumutung bleibt, aber du kriegst Methoden an die Hand, sie innerlich geräuschärmer zu ertragen. Das ist psychische Gesundheitsversorgung in ihrer schönsten bürgerlichen Form. Nicht die Verhältnisse werden kritisiert, sondern deren erfolgreiche Verarbeitung eingeübt. Bevor jetzt einer denkt, das sei gegen Therapie gerichtet. Nein Bruder, natürlich brauchen Leute Hilfe. Natürlich ist es besser Unterstützung zu bekommen als gar keine, aber man muss doch sehen, worin die Grenze liegt.

Therapie im Kapitalismus ist oft der Versuch, den beschädigten Menschen wieder kompatibel zu machen. Nicht ausschließlich, nicht immer, aber strukturell schon ziemlich oft. Der Mensch leidet an einer Welt, die ihm objektiv Gründe zum Leiden gibt und die Antwort lautet "Lernen Sie sich besser abzugrenzen". Ja, wunderbar. Der Wahnsinn bleibt, nur der Patient soll professioneller mit ihm umgehen.

Und dann diese schöne demokratische Legende. Vor der Krankheit sind alle Menschen gleich. Stimmt ja biologisch irgendwie. Fieber fragt jetzt nicht nach dem Parteibuch und Krebs liest auch keine Steuererklärung. Aber gesellschaftlich ist das natürlich kompletter Quatsch. Schon krank werden Menschen ungleich. Je nach Arbeit, Wohnsituation, Stress, Ernährung, Umwelt, Vorsorge, Absicherung... Privatversicherte bekommen Termine. Kassenpatienten wie ich bekommen Geduld als Therapieform.

Wer Geld, Bildung und Zeit hat, navigiert das System eben besser. Und wer prekär lebt, verliert schon beim Organisieren der eigenen Behandlung halb die Kraft, die er für die Genesung bräuchte. Das Geile ist, alle wissen das, also wirklich alle, aber es wird behandelt wie eine kleine Systemunschärfe. Als sei es irgendein bedauerlicher Schönheitsfehler, dass in der Klassengesellschaft auch die Versorgung nach Klassenlage sortiert ist. Und das ist dabei gar kein Unfall. Wieso sollte in einer Gesellschaft, in der der Zugang zur Wohnraumbildung, Ernährung, Freizeit, Sicherheit und politischem Einfluss ungleich verteilt ist, ausgerechnet Gesundheit plötzlich außerhalb dieser Logik stehen? Das Gegenteil wäre des Wunder. Im Kapitalismus kriegt jeder die Gesundheit, die zu seiner gesellschaftlichen Stellung passt. Nicht exakt, nicht mechanisch, aber im Durchschnitt immer sehr zuverlässig. Der gut verdienende Büromensch kauft sich Prävention, Checkups, Ruhezonen und Zeit und der Malocher kauft sich Rückenschmerzen und eine Schmerzpillen-Existenz. Die Politik nennt das dann Versorgungsgerechtigkeit.

Und wenn wir schon beim Thema sind, dann können wir auch über Pharma sprechen. Ein herrlicher Bereich. Da wird immer so getan, als stünde dort die Menschheit im weißen Kittel und suche selbstlos nach Heilung. In Wahrheit steht da Kapital, das in Krankheiten Geschäftsfelder sieht. Jetzt kommt immer sofort der Einwand. Ja, aber Medikamente sind doch gut. Forschung ist doch gut und zwar immer. Ja, natürlich, darum geht's ja gerade. Es ist ja nicht der Witz, dass Medikamente schlecht sind. Der Witz ist, dass etwas gesellschaftlich so notwendiges wie Medikamente unter die Form des Geschäfts gestellt wird.

Geforscht wird nicht einfach dort, wo der menschliche Bedarf am größten ist. Geforscht wird dort, wo sich Bedarf zahlungsfähig machen lässt. Nicht die Krankheit als solches kommandiert die Forschung, sondern die Aussicht aus ihrer Behandlung Geld zu machen. Deshalb ist es in dieser Gesellschaft auch so viel leichter an Symptomen herumzudoktern, als die Ursache anzugehen. Das ist überhaupt die größte Stärke des Kapitalismus. Er verdient an den Schäden, die er selbst hervorbringt. Er macht dich fertig, verkauft dir die Behandlung, verkauft dir die Ablenkung, verkauft dir die Nahrungsergänzungsmittel, verkauft dir den Fitness Tracker und am Ende noch den Coaching Kurs, damit du aus deiner Erschöpfung eine Wachstumschance machst.

Lass uns noch kurz über diese deutsche Kultur sprechen, krank zur Arbeit zu gehen. Es gibt wirklich Menschen, die stolz drauf sind, mit 39 Fieber im Büro zu sitzen, die Kollegen anzuhusten und zu sagen, ich wollte euch nicht hängen lassen. Seine eigene Verwertbarkeit mit Anstand zu verwechseln ist keine Tugend, das ist komplett dämlich. Aber die Gesellschaft belohnt das ja auch. Der, der sich schont gillt schnell als problematisch. Der, der trotz allem funktioniert, gilt als verlässlich. Man sieht daran perfekt, wie tief die Ideologie eigentlich sitzt. Die Leute identifizieren sich mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden, als wären es ihre eigenen höchsten Werte. Pflichtgefühl, Leistungswille, Belastbarkeit, lauter Charaktereigenschaften, mit denen man sich die Zumutung schön redet, die man eigentlich als Angriff auf eigene Leben erkennen müsste.

Und dann sitzen die Leute jetzt krank in irgendwelchen Großraumbüros, ruinieren sich weiter und nennen das Erwachsen sein. Das ist überhaupt ein guter Satz für diese Gesellschaft. Sie bringt die Menschen dazu, ihren Verschleiß als Charakterstärke zu missverstehen. Doch jetzt mal ganz grundsätzlich, der Staat will nicht, dass seine Bevölkerung wahllos wegstirbt, nicht aus Menschenliebe, sondern weil eine leistungsfähige Bevölkerung ein nationaler Reichtumsfaktor ist. Deswegen gibt es Impfprogramme, Seulchenschutz, Krankenversicherungspflichten, Präventionskampagnen, Arzneimittelaufsichten und so weiter. Alles sinnvolle Sachen, aber eben nicht außerhalb des Staatszwecks, sondern innerhalb von ihm. Der Staat verwaltet Gesundheit als Bestandteil seiner gesellschaftlichen Reproduktionsbedingung. Er braucht arbeitsfähige Leute, gebärfähige Frauen, wehrfähige Männer, belastbare Menschen. Deshalb ist Gesundheitspolitik nie einfach humanitär. Sie ist immer auch Bevölkerungspolitik.

Das konnte man während Corona besonders gut sehen. Plötzlich wird gerechnet, wie viele Intensivbetten haben wir, wie viel Personalausfall haben wir, wie viel wirtschaftlicher Schaden entsteht dadurch, wie viel Zumutung ist dieser Bevölkerung zumutbar und wie viel Schutz ist der Wirtschaft denn überhaupt erträglich? Schon merkt man, Gesundheit ist ein Staatsziel unter Vorbehalt anderer Staatsziele. Sie zählt, aber nie absolut. Sie zählt immer nur im Verhältnis zu Wachstum, Haushaltslage, Arbeitsmarkt, Standortinteresse und politischer Stabilität. Die Gesundheit der Bevölkerung ist also wichtig als Mittel einer funktionierenden Nation und genau deshalb wird sie immer nur so weit gesichert, wie es mit den übrigen Zwecken des Staates vereinbar ist.

Ihr werdet jetzt vielleicht denken, Moment mal, aber das System ist ja ohnehin überlastet. Das ist ja sowieso so ein Satz, den man dauernd hört. System ist überlastet als Naturkatastrophe ausgesprochen, als hätte irgend so ein neutrales System plötzlich aus heiterem Himmel beschlossen, erschöpft zu sein.

Nee, ein System ist nicht einfach überlastet, es wird überlastet organisiert. Wenn Betten fehlen, Personal fehlt, Zeit fehlt, Termine fehlen, Therapieplätze fehlen, Landarztpraxen fehlen, dann liegt es nicht daran, dass das Universum überraschend beschlossen hat, mehr Krankheiten zu produzieren als vorgesehen. Dann liegt es daran, dass Versorgung nach Kosten, Zuständigkeiten, Budgets, Profiten und politischer Priorität organisiert wird. Fachkräftemangel ist in solchen Bereichen oft auch nur das höfliche Wort dafür, dass man die Bedingungen so gestaltet hat, dass Leute den Job nicht mehr machen wollen oder auf Dauer eben nicht mehr machen können. Und das ist natürlich ziemlich unerfreulich.

Man tut dann so, als seien das alles irgendwelche bedauerlichen Engpässe. Die Wahrheit ist doch, in unserem reichen Land wird Mangel hochgradig organisiert. Nicht absolut, aber relativ zu den vorhandenen Möglichkeiten. Es fehlt den Leuten nicht an Wissen, nicht an Technik und nicht an gesellschaftlichem Reichtum. Es fehlt an der Bereitschaft, Gesundheit rücksichtslos zum Zweck zu machen. Dann müsste man mit lauter Heiligen Kühen brechen, mit Sparpolitik, mit Gewinnteressen, Standortlogik, Kassenlogik und mit der Unterordnung des Lebens und betriebswirtschaftliche Vernunft. Und genau das will eben keine Regierung, das will kein Staat. Also verwaltet man den Mangel, moralisiert die Bürger und bedankt sich ab und an mal klatschend bei der Pflege.

Was kann man also aus dem ganzen Laden lernen? Erstens, Krankheit ist in dieser Gesellschaft nicht einfach Natur, sondern zu einem guten Teil Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse. Zweitens, das Gesundheitswesen heißt nicht, dass Gesundheit der Zweck wäre. Der Zweck ist die Verwaltung und Wiederherstellung einer brauchbaren Bevölkerung unter den Bedingungen von Kosten, Konkurrenz und Staatshaushalt. Drittens, die ganze individuelle Moralisierung, lebe gesünder, manage dich und dein Leben besser, achte mehr auf dich, ist die ideologische Begleitmusik zu Verhältnissen, die Menschen systematisch verschleißen. Viertens, dass es trotzdem medizinische Spitzenleistungen gibt, widerlegt die Kritik kein bisschen. Im Gegenteil, es zeigt nur, wie leistungsfähig eine Gesellschaft sein könnte, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht unter die Form von Geschäft, Kostenrechnung und Klassenlage stellen würde. Und fünftens, wer übers Gesundheitswesen reden will, ohne über Arbeit, Armut, Staat, Klasse und Kapitalismus zu reden, der will über Symptome reden und die Ursachen in Ruhe lassen. Das ist dann ungefähr so sinnvoll wie in dem brennenden Haus einen Luftreiniger aufzustellen und zu sagen, siehst du, wir arbeiten an einer besseren Atmosphäre.

Und in diesem Sinne Freunde, gute Besserung falls ihr krank sein solltet. Schont euch, soweit es in dieser herrlichen Leistungsgesellschaft überhaupt möglich ist. Wenn euch wieder mal jemand erzählt, Gesundheit sei unser höchstes Gut, dann fragt ihn einfach für wen eigentlich und wofür. Bis dann.

Gedacht

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