Piehnat

Ein Blog. Wie früher. Nur heute.

3 Jahre (fast) vegan

Vor ein paar Jahren hätte ich mir vermutlich selbst nen Vogel gezeigt, wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich irgendwann freiwillig Dinge esse, die aus zerbröselten Reiswaffeln und pürierten Bohnen bestehen. Damals gehörte ich noch zu der Sorte Mensch, die überzeugt war, dass „richtige Ernährung“ irgendwie automatisch mit Fleisch, Wurst und einer gewissen Grundresignation zu tun hat. Funktionierte ja auch, zumindest biologisch.

Ich quarzte nach dem Scheitern meiner sportlichen Karriere für viele Jahre wie ein Schornstein. So richtig gern sogar. Bis ich irgendwann an den Punkt kam, an dem ich heute nur noch den Geruch wahrnehme und mich frage, wie zur Hölle ich jemals freiwillig nach kaltem Aschenbecher riechen konnte. Kein moralischer Überbau, keine große Erkenntnis, einfach irgendwann blanker Ekel. Und ziemlich genau so ist es mir mit Fleisch passiert. Nicht schlagartig, nicht mit erhobenem Zeigefinger und definitiv nicht nach einer Youtube Doku über die Zustände bei Tönnies mit dramatischer Musik. Es verschob sich einfach. Irgendwann war da kein ich verzichte, sondern eher ein Junge warum eigentlich noch?.

Wie ich mich kenne, hätte ich früher wahrscheinlich argumentiert, dass vegan teuer ist und man ja dann nichts mehr essen kann. Heute weiß ich, dass das ungefähr so wahr ist wie die Aussage, dass man ohne Kippen nicht entspannen kann. Ich kaufe kaum Fertigprodukte, außer ich habe gerade Lust auf Experimente oder Billy Green Salami, die sich irgendwie als mein persönliches Luxusgut eingeschlichen hat, weil sie halt einfach geil ist. Ansonsten passiert hier viel Küche, viel Rumprobieren und erstaunlich wenig Verzicht. Eher das Gegenteil. Ich habe mehr Dinge entdeckt, die ich vorher nicht mal kannte, weil ich mich gedanklich sowieso immer im selben Kreis aus Toast, Ketchup und irgendeiner Wurst gedreht hab.

Wenn ich ehrlich bin, ernährte ich mich über viele Jahre hinweg ziemlich unkreativ. Unkreativ im Sinne von funktioniert irgendwie, aber zeig das ja keinem Koch. Und ich bin zumindest auf dem Papier selbst Koch, gelernt bei der Bundeswehr. Wobei das über weite Strecken eher bedeutete, Fertigpulver in riesige Wasserbehälter zu kippen, umzurühren oder Fertigfutter einfach nur aufzuwärmen. Trotzdem habe ich irgendwie einen IHK-Wisch dafür bekommen. Lassen wir das. Salami mit Ketchup und Toast war keine Phase, das war ein Lebensstil. Singleleben auf Sparflamme mit der kulinarischen Tiefe eines Studentenbudgets ohne Studenten. Heute kann ich darüber lachen, damals war es einfach Alltag. Und vielleicht auch ein bisschen Flucht vor allem anderen.

Irgendwann kam dann halt dieser Punkt, an dem ich einfach keine Wurst und kein Fleisch mehr wollte. Nicht aus einem plötzlichen missionarischen Anfall heraus, sondern eher aus einer Mischung aus persönlichen Erfahrungen, ziemlich viel innerem Chaos über die Jahre hinweg und dem langsamen Sortieren von Dingen im Kopf. Vieles davon hat nichts direkt mit Ernährung zu tun gehabt, aber am Ende hängt ja alles irgendwie an allem.

Was sich dabei komplett veränderte, ist mein Blick auf Essen selbst. Früher war das irgendwie Produkt rein, satt werden, weiter. Heute ist es eher eine Mischung aus Gewürzen, Erinnerungen und Experimenten. Und das ist der Punkt, der mich selbst am meisten überraschte. Es geht fast nie um das eigentliche Grundprodukt. Fleisch ohne alles schmeckt auch nach… na ja, wenig. Der Rest ist Würzung, Zubereitung, Fett, Röstaromen. Und genau das ist auch der Grund, warum vegane Varianten überhaupt funktionieren. Nicht, weil sie Fleisch perfekt imitieren, sondern weil sie die gleichen Stellschrauben benutzen.

Ich baue mir heute Dinge wie Mettbrötchen aus Reiswaffeln oder Leberwurst aus Kidneybohnen, nicht weil ich irgendwas vermisse, sondern weil da Erinnerungen drin hängen. An Oma und Opa, an Situationen, an Zeiten, die nichts mit Ernährung zu tun hatten, aber eben trotzdem damit verknüpft sind. Essen ist selten nur Essen. Es ist ziemlich oft einfach ein Speicher für irgendwas anderes.

Politisch oder moralisch existierte bei mir nie dieser klassische ich rette jetzt die Welt Moment. Ich bin da eher reingerutscht. Vielleicht auch, weil ich mich irgendwann ohnehin in eine Richtung entwickelt habe, die ein bestimmtes Klientel wohl grob als linksgrün-versifft bezeichnen würde, auch wenn ich mit diesem Etikett ungefähr so viel anfangen kann wie mit der Idee, Autos spannend zu finden. Hat mich nie interessiert, habe keinen Führerschein, vermisse nichts davon. Umwelttechnisch ist das alles vermutlich auch kein schlechter Nebeneffekt, aber es war nie der Startpunkt.

Freunde hatte ich nie viele. Und die paar, die es gab, haben sich über die Jahre größtenteils sowieso verlaufen, vor allem als das Leben mal ernst wurde und ich von der Rolle des der hilft immer in die Rolle des der braucht auch mal Hilfe gewechselt bin. Das hat erstaunlich gut aussortiert, wer wirklich da war und wer nur in guten Zeiten existierte. Familie ist ein anderes Thema, da gibt es meine bessere Hälfte, die das Ganze größtenteils einfach mitträgt, ohne Drama, ohne Diskussionen. Ab und zu gibt es trotzdem Ausnahmen, 1 oder 2 mal im Jahr irgendwo eingeladen, irgendwo anders gekocht, und dann esse ich einfach das, was auf dem Tisch steht. Nicht aus Prinzip, sondern weil ich niemandem einen Extrateller oder Mehrarbeit extra nur für mich aufdrängen würde. Leben und leben lassen funktioniert in beide Richtungen.

Im Rückblick war das kein großer Plan. Es war kein ich werde jetzt vegan und ändere mein Leben Moment. Es war eher ein langsames Verschieben von Gewohnheiten, Geschmack, Perspektiven und ein bisschen auch Identität.

Ich werde den Post hier wohl „3 Jahre (fast) vegan“ nennen, weil das „fast“ ehrlich ist. Weil es nicht so tut, als wäre das hier ein abgeschlossenes Konzept. Und weil es zeigt, dass Veränderung nicht immer laut ist. Manchmal ist sie einfach nur eine Folge davon, dass man irgendwann keine Lust mehr auf Dinge hat, die man früher für normal gehalten hat.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist das vielleicht die angenehmste Form von Veränderung. Die, die sich irgendwann so selbstverständlich anfühlt, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt.

gedacht

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