Magdeburg 2025 – Zwischen Landser Shirts und Hafermilch
Es gibt Tage, da wache ich auf und denke okay, heute schaffst du es vielleicht bis zum Briefkasten, ohne dass dich dein Körper wieder daran erinnert, dass er seit Jahren im Hardcore-Modus Game Over spielt. Und dann gibt es Tage, da schaff ich das tatsächlich. Und manchmal sogar mehr. Einkäufe für meine alte Nachbarin erledigen, deren Mann schwerbehindert ist. Ihr Formulare erklären, Dinge bei Behörden regeln, die in diesem Land ungefähr so barrierefrei sind wie ein Bunker aus dem 2. Weltkrieg.
Warum ich das mache? Keine Ahnung. Vielleicht weil’s mir trotz allem besser geht als manchem anderen und weil Menschlichkeit nicht von meiner Diagnose abhängt.
Was ich aber merke, wenn du krank bist, fehlt dir irgendwann die Kraft für Bullshit. Keine Energie mehr für Diskussionen, keine Nerven mehr für Leute, die „Argumente“ aus der Bild-Zeitung zitieren wie Bibelverse. Keine Ressourcen mehr, um jeden Tag gegen eine Stadt anzuschreien, die sich immer weiter in eine Richtung bewegt, die alles andere als gesund ist.
Weit über 30 Prozent der Leute wählen hier AfD. Nazi-Symbole an Stromkästen, Bushaltestellen, Wänden, als wären wir in einem Film, den ich vor langer Zeit schon mal gesehen habe. Menschen mit Springerstiefeln und Landser-Shirts in Straßenbahnen, die völlig entspannt alles bepöbeln, was nicht aussieht wie sie selbst. Und das Publikum schweigt.
Seit dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt 2024 hat der Rassismus hier nochmal spürbar zugenommen. Mittlerweile kennt gefühlt jeder, den ich kenne, jemanden, der schon rassistische Übergriffe erlebt hat.
Ich hab das lange ausgehalten. Hab diskutiert. Hab argumentiert. Hab versucht, mit Worten gegen Tunnelblicke anzukommen, die von Facebook, Telegram und irgendwelchen Nius-Clowns-Seiten so hart zubetoniert sind, dass selbst ein Presslufthammer verzweifeln würde.
Und ich hab irgendwann gemerkt, es bringt nichts. Nicht, weil die Welt verloren ist, sondern weil ich es nicht mehr schaffe. Weil ich schon so lange krank bin, dass meine Nervenfäden inzwischen sehr oft kurz vorm reißen sind. Irgendwann steht man da, im Bus, entgegnet einem Neonazi, dass er aufhören soll und die Leute drum herum finden plötzlich doch ihre Stimme wieder. Aber nicht, um dich zu unterstützen, sondern um ihm beizupflichten, dass er ja recht hat.
Wenn ich vor die Tür gehe, fühlt es sich an, als wäre ich mit Doc Brown und Marty McFly vor 30 Jahren gelandet. 1981 geboren, und Magdeburg 2025 sieht aus wie eine Rückkehr in die Baseballschlägerjahre, nur mit Smartphones. Obwohl diese irgendwann vorbei schienen, war das Gedankengut nie weg. Es war nur eine Zeit lang weniger sichtbar. Die Gesichter von damals sind heute gealtert, aber sie führen nach wie vor rechte Gruppen, Organisationen und Aufmärsche an. Teilweise sind es genau die gleichen Leute, nur mit mehr Falten, und Köpfe rasieren müssen sie dank altersbedingtem Haarausfall nicht mehr.
Und dann bin da ich. Veganer, ohne Mission. Kein Auto, weil ich meinen ökologischen Fußabdruck nicht völlig zerstören will. Fahrradfahrer seit Ewigkeiten, hoffentlich bald wieder, wenn mein Körper mal aufhört, mich als Dauerschadenprojekt zu behandeln. Ich esse, wie ich es für mich richtig halte, lebe, wie es mir entspricht, ohne irgendwem was aufzuzwingen und trage meine wenigen Klamotten, bis sie auseinanderfallen. Aber natürlich reicht das völlig aus, um hier in irgendeine Schublade namens linksgrün versifft gesteckt und als Feindbild deklariert zu werden.
Es ist absurd, aber in Magdeburg ist „Hätten sie vielleicht Hafermilch für meinen Kaffee?“ für manche schon ein politisches Statement. Sie schauen mich dann an, als hätte ich gerade angekündigt, ihr Auto in ein Lastenrad umbauen zu wollen. Und Beleidigungen wie „Graslutscher“ an der Supermarktkasse sind hier kein Internetwitz, sondern Alltag, wenn man nur Tofu und Gemüse im Einkaufswagen hat. Du erwartest irgendwann nichts anderes mehr.
Und trotzdem. Trotz Krankheit. Trotz Erschöpfung. Trotz Stadtklima, bei dem ich manchmal einfach nur weg will. Trotzdem helfe ich. Trotzdem erstelle ich ehrenamtlich Webseiten, Flyer und co für zb Integrationsvereine, die sich niemanden leisten können, vom Bett aus, wenn es sein muss. Trotzdem versuche ich, Menschen zu unterstützen, denen es schlechter geht als mir. Trotzdem bleibe ich hier. Obwohl ich ein sehr introvertierter Mensch bin, aber manchmal muss man über seinen Schatten springen.
Warum? Weil ich Menschen habe, die ich liebe. Weil ich eine Frau habe, die ich niemals allein lassen würde.
Weil ich eine kleine Nichte und einen kleinen Neffen habe, die ich nicht in dieser Welt allein stehen lassen will.
Ich gebe zu, es gibt dunkle Momente. Momente, in denen ich denke, dass diese Krankheit vielleicht irgendwann einfach eine Tür zuschlägt, durch die ich rausgehe und diese ganze Shize endlich nicht mehr ertragen muss. Aber dann sehe ich ihre Gesichter. Und dann geht’s wieder. Nicht gut, aber weiter.
Was bleibt, ist die Hoffnung. Die ganz kleine, die leise, die, die man nur noch hört, wenn der Rest im Kopf mal kurz Pause macht. Weil es immer Menschen gab, die dagegen gehalten haben.
Weil es mich gibt, dich gibt, andere gibt, die einen kleinen Beitrag leisten und nicht immer weggucken.
Und vielleicht ist das das mindeste, was man in einer Stadt wie dieser tun kann. So leben, wie es für einen selbst richtig ist, selbst wenn es schwer ist und andere triggert.
Piehnat