Das Nokia 1100 und der African SIM-Trick
Manchmal verändert Technik die Welt nicht durch Glitzer und AMOLED, sondern durch pure Zuverlässigkeit und eine Taschenlampe, die heller als Stromnetzversprechen strahlt. Das Nokia 1100 kam 2003 als schlichtes Gerät mit GSM-Unterstützung. Es bot ein monochromes Display mit 96 mal 65 Pixeln, das so wenig Energie verbrauchte, dass der BL-5C-Akku mit 850 Milliamperestunden bis zu 400 Stunden Standby schaffte und etwa 2 bis 4 Stunden Sprechzeit. Der Vibrationsmotor war so kräftig, dass das Gerät fast vom Tisch wanderte, wenn man eine SMS bekam. Dazu bot es ein Gehäuse mit Antirutschgummi und einer Bauweise, die Stürze, Staub und Spritzwasser einfach ignorierte, weil es keine empfindlichen Komponenten gab, die kaputtgehen konnten. Weltweit wurden über 250 Millionen Stück verkauft, was das Nokia 1100 zum meistverkauften Handy der Geschichte machte.
Das 1100 hatte keine Kamera, kein Bluetooth, keinen Speicher für Musik oder Apps, und trotzdem war es ein Werkzeug für Kommunikation mit SMS und Anrufen. Genau deshalb war es in Ländern wie Nigeria und Kenia so wichtig, weil Mobilfunk dort eine existenzielle Infrastruktur wurde. SIM-Karten waren teuer, und Verträge waren oft an bestimmte Netze gebunden, also suchte man auf Märkten wie dem Computer Village in Lagos oder am Moi Avenue Markt in Nairobi nach Wegen, ein gesperrtes Telefon zu entsperren. Das nannte man inoffiziell African SIM Trick, da der Begriff beschrieb, was passierte. Techniker schlossen das Gerät über Pop-Port oder F-Bus-Stecker an einen PC an und verwendeten Flash-Tools wie Nokia Phoenix oder JAF und manchmal billige Dongles aus China. Die Firmware konnte komplett überschrieben werden, indem die Flash-Speicherbausteine neu beschrieben wurden. So entfernte man die SIM-Sperre und manchmal sogar Netzanpassungen, die das Signal drosselten. Wer sich auskannte, konnte sogar eigene Produktcodes einspielen und Optionen wie Menüsprachen hinzufügen, die vorher überhaupt nicht vorhanden waren.
Das Zusammenspiel aus wechselbarem Akku, konfigurierbarer Firmware und einfacher Hardware führte dazu, dass das Gerät nicht nur genutzt, sondern auch permanent repariert wurde. Ersatzteile gab es an jedem Marktstand. Keypads, Displays, Lautsprecher, Antennenabdeckungen, Akkus, Ladebuchsen… alles konnte ohne Spezialwerkzeug gewechselt werden. Das 1100 war damit ein ökonomisches Wundergerät, weil es lange am Leben blieb, und der informelle Reparatursektor damit eine funktionierende Kreislaufwirtschaft bereitstellte, bevor europäische Politiker überhaupt wussten, wie man das Wort kreislauffähig buchstabiert.
Ein weiterer Teil seines Mythos stammt aus den Geschichten, die bis heute überlebt haben. In Kenia erzählt man, dass das 1100 im Sand vergraben wurde, ein Jahr später ausgegraben und einfach wieder startet, nachdem der Akku kurz über einem Holzofen erwärmt wurde. Es gibt Berichte über Geräte, die ins Wasser fielen, anschließend getrocknet wurden und weiterliefen, als seien sie amphibisch geboren. Auch soll es als Mitgift auf Hochzeiten gesehen wurden sein, ein Zeichen für den Wert, den die Menschen in diesem kleinen, robusten Gerät sahen. Viele dieser Erzählungen sind mindestens übertrieben, aber sie zeigen, wie sehr die Menschen sich auf dieses Stück Technik verließen, weil es ihnen selten Anlass gab, daran zu zweifeln.
Dann tauchte irgendwann das Gerücht auf, dass speziell in Bochum produzierte Modelle eine Sicherheitslücke gehabt haben sollen, mit der man SMS abfangen konnte. Berichten zufolge ließ sich die Firmware so manipulieren, dass theoretisch ein SMS-Routing eingerichtet werden konnte und Nachrichten, die eigentlich für andere Nummern bestimmt waren, auf dem manipulierten 1100 ankamen. Sicherheitsfirmen und Medien berichteten, dass manche Kriminelle bereit gewesen sein sollen, bis zu 25000 Euro für ein solches Gerät zu zahlen. Das Verfahren war jedoch extrem fehleranfällig, ließ sich nur eingeschränkt reproduzieren, und unabhängige Studien, die die Lücke systematisch bestätigen, existieren nicht. Die meisten Geräte waren ohnehin nicht betroffen. Die Vorstellung, dass ausgerechnet das minimalistischste aller Handys zu James Bond mutiert, passt perfekt in die Legendenbildung. Ob das jemals in größerem Umfang real war, weiß wohl kaum jemand, und Nokia selbst äußerte sich nie konkret dazu und verkroch sich eher hinter dem Gummigehäuse.
Überall, wo das 1100 auftauchte, wurde es zum Stück technischer Unabhängigkeit, das es Menschen erlaubte, zu kommunizieren, ohne sich in ein teures System fügen zu müssen. Und genau dort, in Nigeria, wurde 2005 auch Nokias 1-Milliardenstes verkauftes Gerät überreicht, natürlich ein Nokia 1100, was symbolisch zeigt, wie bedeutend dieses Modell für den afrikanischen Markt war. Die Taschenlampe wurde zur Straßenlaterne, die SMS zur Zeitung und die Reparatur zur Community-Aufgabe. Manche verteilen heute noch ihre alten 1100 an Verwandte und hoffen, dass der Akku noch immer nicht in Rente geht.
Wenn man sich anschaut, wie Smartphones heute oft schon nach Monaten den Geist aufgeben und Displays zersplittern, sobald man sie nur schief anschaut, dann bekommt das Nokia 1100 einen fast rebellischen Charakter. Es erinnert daran, dass Technologie nicht kompliziert sein muss, um ein Gamechanger zu sein. Manchmal reicht ein kleines graues Display, ein kräftiger Vibrationsmotor, ein Akku, der nie leer wird, und Menschen, die wissen, wie man ein Gerät flasht, wenn ein Netzbetreiber nervt. Das Nokia 1100 machte Mobilfunk für alle zugänglich und funktionierte dabei erstaunlich zuverlässig, auch wenn es aussah wie ein Stück Kaugummi mit Knöpfen.
Piehnat